Hommage à Wolf von Aichelburg

seine Kompositionen   -    seine Gedichte  -  und seine Bilder

Der Dichter, Maler und Komponist Wolf von Aichelburg


Am 3. Januar 2012 jährte sich der Geburtstag des Schriftstellers und Dichters Wolf von Aichelburg zum 100. Mal.

Geboren wurde er im dalmatinischen Pula, heute Kroatien. 1918 ließ sich die Familie in Hermannstadt nieder. Von 1928 bis 1934 studierte Aichelburg in Klausenburg/Cluj und Dijon Germanistik und Romanistik. Nach jahrelangem Aufenthalt in Westeuropa kehrte er 1939 in seine siebenbürgische Heimat zurück.
„Es ist ein tiefhängender, zum Greifen naher Sternenhimmel. Ein leichtes Berglüftchen erinnert daran, dass die Frühsommerabende im Gebirge erfrischend kühl sein können. Ein kleiner Mann mit mächtiger Silbermähne reckt erklärend die Hand in die Höhe, sternenwärts, der etwas größer gestaltete Lederhosenjunge mit schwarzer Haartolle gafft staunend das Lichtergewirr an. „Da, etwas unter der Ursa major, dem großen Bären oder Wagen gelegen, siehst du das Sternenbild der
Jungfrau, darunter das geometrische Dreiecksgefüge des Kentaur, links davon die geschlängelte Linie des Skorpions.“ Der kleine, weise Mann ist Aichelburg, der Junge daneben das vor Wissensdurst, ehrfürchtigem Staunen und Abendkühle erschauernde Ich bin ich selbst [„Ich“, das ist Dr. Kurt Thomas Ziegler, von dem auch die nachfolgenden Zitate stammen. h.t.a.]. Und Grund zum Staunen gab es für mich einmal mehr: die traumwandlerische Sicherheit, mit der dieser Mensch des Schöngeistes, der Adept eines Brueghel und Leonardo, der Bewunderer der Zweiten Wiener Schule des dodekaphonischen Komponistenkleeblatts Schönberg, Berg und Webern, die Sternbilder aneinanderreihte, als wären es Verse von George oder Ungaretti. Später benützte er die
akribisch genaue, astronomische Deskription, um den leichten Schwenk ins Esoterisch-Astrologische zu machen, wobei er, der Lyriker fast anakreontischer Wortopulenz, sich zur äußersten Nüchternheit der Interpretation seiner astrologischen Koordinatenüberschneidungen zwang - und dabei verblüffend stimmige Aussagen traf.
Das war allerdings nur eine, eher nebensächliche, Fähigkeit und Facette dieses vielfach geschliffenen Wissensbrillanten, dieses polyglotten Polyhistors, der zum wichtigsten Zeitpunkt meines Menschwerdens – zwischen meinem 12. und 13. Lebensjahr – in mein Leben trat.“

In den 1950er Jahren war er schon einmal zur Zwangsarbeit für seine politische Überzeugung verurteilt worden. Doch auch unter der gleißenden Sonne der Donausteppe entstanden seine Gedichte, im täglichen Memorieren statt Aufnotieren - wie sonst wenn nicht auf den Schwingen der Dichtung konnte man sich den "Würgern" entziehen? Bei dem Schauprozess gegen die deutsche Schriftstellergruppe im Jahre 1959 wurde er wiederum verurteilt, diesmal zu 25 Jahren Zuchthaus. Im Jahre 1964 kam er aufgrund einer Generalamnestie für politische Häftlinge auf freien Fuß.
„Bleich, strähnigen Haares und schäbig gekleidet stand er eines Abends in unserem Vorzimmer, zum letzten Mal aus kommunistischer Haft ausgespien, geknickt, aber nicht zermalmt oder, im Hemingwayschen Sinne „destroyed, but not defeated“, schreibt Kurt Thomas Ziegler.

1980 verließ Aichelburg Rumänien und übersiedelte nach Freiburg im Breisgau. „Im Zuge seiner Vergangenheitsbewältigung negierte Aichelburg während der letzten Jahre im freien Deutschland in zunehmendem Maße seine bald 60 verbrachten Jahre in Rumänien. Er verdrängte die vielfachen Demütigungen und Peinigungen, aber auch die Freundschaften und den dortigen Literaturbetrieb,
immerhin Forum seiner ersten großen Veröffentlichungen. Dennoch errichtete er, neben dem evozierten Italien, Spanien, Israel, als Orten, wo der „Ölbaum“, die „Orange“ und die „Zypresse“ wächst, trotz allem auch für das, wahrscheinlich doch mehr, als er es wollte, ihn umklammernde Siebenbürgen und Rumänien kleine Denkmäler: „Am Schwarzen Meer“, „Barackenstadt“, „Siebenbürgischer Dorfturm“, wo neben dem scharf skizzierten Grauen der Verbannung doch auch
Seelenerlebnisse seiner Sommeraufenthalte in „2. Mai“, Künstlerkolonie und Schwarzmeerrefugium Andersdenkender zugleich, erfühlt werden. Auch lässt er leise Wehmut ob zerfallender Kirchtürme deutscher Prägung in Siebenbürgen, allerdings ins Sinnieren über Weltzerfall und Todesallmacht ausgeweitet, anklingen.“
(K.Th.Ziegler)


„Es hat gewiss etwas Schicksalhaft-Zwangsläufiges, Psychologen würden vielleicht von self-fulfilling prophecy sprechen, dass Wolf von Aichelburg gerade beim Schwimmen in den windbewegten Wellen des so geliebten Mittelmeeres zu Tode kam. Was genau sich freilich in jenen Morgenstunden des 24. August 1994 vor der schroffen Felsenküste von Banalbufar ereignete, wird sich nicht mehr
rekonstruieren lassen, doch ist es letztlich auch belanglos.
In einem Rundbrief an die dem Dichter Nahestehenden beschreibt Wolf Fruhtrunk, ein dem Verstorbenen eng verbundener Bekannter, die letzten Tage, die er zusammen mit Aichelburg verbringen durfte. Hier einige Passagen aus dem am 25. August 1994 verfassten Brief.
"All seine letzten Tage, die ich das Glück hatte, mit ihm zu verbringen, von der Autofahrt Freiburg-Paris (Aichelburg lebte seit seiner Ausreise 1981 in Freiburg - Anm. K.K.) bis zu diesem abgelegenen, von ihm landschaftlich so überaus geliebten Teil der Welt, waren durchwegs von Heiterkeit und Fröhlichkeit durchzogen und fortwährendem Entzücken übertönt – dies von der unbedeutendsten Ameise bis zu der hier so vorherrschenden Sonne.
Um 8.30 Uhr, ich noch halb in Schlaf versunken, ging er aus dem Haus, um sich eine Wanderung bis auf die Spitze des auf beiliegender Karte abgebildeten Berges zu schenken. Kurz davor muss er ein Meeresbad genossen haben wollen. Er hatte seine Kleider wohlgeordnet in der Tragetasche einige Meter über dem Felsenufer liegen lassen und muss dann während des Schwimmens in einem allerdings bewegten Wasser seinen Tod gefunden haben. (...) Dort fand ich ihn am Nachmittag, 30 Meter vom Ufer von den Wellen sachte hin und her gespült. (...) Unser letztes Gespräch am Vorabend könnte ich mit seinen Worten so zusammenfassen: ‚Die Liebe sieht allein nur das Gute. "
(Konrad Klein in der Siebenbürgischen Zeitung, Folge 14 vom 15. September 2004, Seite 8)


"Wolf von Aichelburgs 80. Geburtstag war in großem Rahmen in Freiburg abgehalten worden. Aichelburg hatte sich jedoch nicht viel aus Feiern gemacht: „Gefeiert werden ist mir, wie Sie wissen, ein Gräuel“ – so äußerte er sich bereits anlässlich seines 60. Geburtstages (Aichelburg: „Der leise Strom“, 271, im Folgenden abgekürzt „DLS“). In die Öffentlichkeit getreten ist er meist nur zögerlich, ihm fehlte auch „das Organ für Gruppen“, künstlerischen Modeströmungen war er in seiner
langjährigen Schaffenszeit stets abgeneigt, er „machte sie nie mit“ (vgl. DLS, S. 263 ff.) Ebenso wenig Wert legte er darauf, sich durch ständiges Publizieren ins Gerede zu bringen. Er gab zu, dass er nicht für sich zu werben verstand, was schließlich auf Kosten seines Bekanntheitsgrades gegangen ist. Aber Aichelburg hatte sich die Bescheidenheit des Schaffenden bewahrt, dem „Eintagsruhm“ hatte er nur wenig Bedeutung zugemessen. Dabei hat Aichelburg, der ebenso in der Dichtung wie in der Musik und der Malerei beheimatet war, uns ein umfassendes künstlerisches Werk hinterlassen, das ihm einen Platz unter den großen künstlerischen Persönlichkeiten unserer Zeit zusichern sollte.

Wolf von Aichelburg wurde am 3. Januar 1912 in Pula (Istrien) als Sohn eines k.u.k. Marineoffiziers geboren. Er war der letzte Nachkomme einer adligen Offiziersfamilie, deren Stammschloss (heute nur noch eine Ruine) im Kärntner Gailtal liegt. Die istrische Landschaft wirkte prägend auf den jungen Aichelburg: „Das Karge und Karstige war mir immer sehr wesensverwandt. Sehnsuchtsländer sind daher die griechischen Inseln, Spanien und Palästina, alles Trockene und Umrissscharfe“ (DLS, S.268).
1922 verschlug es seine Familie nach Hermannstadt, nach Siebenbürgen, das Rumänien angegliedert wurde. Auch in seiner neuen Heimat, die er erst 1980 verlassen hat, blieb die österreichische Kultur für ihn Maßstab und Beziehungspunkt.
Aichelburg ließ sich in Freiburg nieder, falls man es so bezeichnen kann, denn er besaß eine ausgeprägte Neigung zum Reisen. Nur selten war er an seinem Wohnort, anzutreffen. „Überall auf den Spuren der Bildung, des Geistes und der geprägten Landschaft“ (DLS, S. 266) ist er viel in der Welt herumgekommen.

Früh fing Aichelburg zu malen an. Bereits als Zwölfjähriger durfte er an einem Akt-Kurs teilnehmen und galt als bester Zeichner des Gymnasiums. Sein Skizzenblock begleitete ihn überall hin. Einen zweiten Malkurs machte er bei dem ungarischen Maler Zsolnay. Beeindruckt von den Bildern Noldes begann Aichelburg expressionistische Landschaften zu malen. Für die Familie war es klar: „Der Wolf
wird mal ein großer Maler.“
Wenig später entdeckte er die Musik, fand schnell den Weg zur „gefährlichen Moderne“ Hindemiths und Schönbergs und „komponierte drauf los.“ Dem Komponieren fiel für lange Zeit das Malen zum Opfer. Erst Jahre danach, in der Verbannung, entdeckte er seine Liebe zur Portraitmalerei und „zeichnete für Geld, Kuchen und auch nur um der Ehre willen“ (*). [Anmerkung: Die mit (*) versehenen Zitate stammen aus Briefen Aichelburgs an den Verfasser. Die nicht gekennzeichneten
Zitate stammen aus Gesprächen, die der Verfasser mit Aichelburg geführt hat.] Sehr viel später konzentrierte er sich ganz auf die ungegenständliche Malerei. Über die Musik kam er dann zur Literatur. Beeinflusst von Trakl, George und Rilke schrieb er mit sechzehn seine ersten Gedichte. Er debütierte erst 1929 in der siebenbürgischen Literaturzeitschrift „Klingsor“, an der er bis 1939 mitarbeitete.
Der stark philosophisch und religionsgeschichtlich Interessierte begann das Studium der Germanistik und Romanistik zunächst in Klausenburg, setzte es in Dijon fort und ging 1935 nach Berlin, um zu promovieren. Hier war er mit Hindemith befreundet, der jedoch bald emigrieren sollte, mit Melchior Lechter, Percy Gothein und mit dem Komponisten Norbert von Hannenheim ... und den letzten Mitgliedern des George-Kreises. Von Rudolf Wagner-Régenyi erhielt er viele Impulse für sein musikalisches Schaffen. Während den zwei Jahren seines Aufenthaltes blieb ihm für die Doktorarbeit
praktisch wenig Zeit: „Ich musste Dramen schreiben, musste komponieren lernen und selbst viel komponieren“, bekennt Aichelburg in seinem Aufsatz „Die Mauern von Jericho“ („Halbasien“ 1/91), in dem er die Ursachen seiner emotionalen Bindung an Berlin zu erläutern sucht. Hier schrieb er auch einige Aufsätze und Artikel, darunter einen Rundfunkgedächtnistext „Heinrich von Kleist“, der im„Völkischen Beobachter“ verrissen worden ist. Berlin war für ihn die „erahnte Ergänzung meiner weichen musischen österreichischen Natur und Herkunft“ (*).

Seine Berliner Zeit war für Wolf von Aichelburgs künstlerische Entwicklung von entscheidender Bedeutung. 1975 erschien der Band „Anhalter Bahnhof“ mit Berlin-Gedichten und -Bildern, in dem er seiner Verbundenheit mit der Stadt an der Spree Ausdruck verleiht.

Bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wurde Aichelburg zum rumänischen Militär eingezogen. Von 1941 bis 1944 war er als Übersetzer in einem Ministerium in Bukarest tätig. Danach kehrte er nach Hermannstadt zurück und arbeitete als Lehrer an einem Gymnasium. Er lernte den rumänischen Dichter und Philosophen Lucian Blaga kennen und nahm an den Zusammenkünften des Hermannstädter Literaturkreises („Cercul literar de la Sibiu“) teil, der die wichtigsten rumänischen
Literaten und Kritiker, wie Ştefan Augustin Doinaş, Ion Negoiţescu u.a. um sich versammelte. Befreundet war er u.a. auch mit Oskar Walter Cisek, Alfred Margul-Sperber, Moses Rosenkranz. Ovid S. Crohmălniceanu widmete Aichelburg ein Kapitel seines im Jahre 2000 erschienenen Buches über den Hermannstädter Literaturkreis.

Schattenjahre
Es sollten jedoch bald die „Schattenjahre“ Aichelburgs beginnen. Ende 1948 wurde er wegen versuchter „Republikflucht“ verhaftet. Er blieb bis 1951 im Gefängnis und wurde anschließend in ein Arbeitslager interniert. Aichelburg erinnerte sich, dass sehr viele seiner Gedichte in der Verbannung „un-literarisch“ entstanden sind, „durch reine Gedankenarbeit“, und dass sie „sich durch tägliches Memorieren erhalten“ haben (DLS, S. 267). Zudem stammen aus dieser Zeit noch viele Essays und
Erzählungen. 1959 wurde er erneut verhaftet, diesmal zusammen mit vier anderen deutschsprachigen Dichtern, und im „Gruppenprozess deutscher Schriftsteller zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Die Anklage lautete auf „verbrecherische Unterwühlung der sozialistischen Gesellschaftsordnung und Agitation“ (s. Peter Motzan/Stefan Sienerth: „Worte als Gefahr und Gefährdung. Fünf deutsche Schriftsteller vor Gericht“, Südostdeutsches Kulturwerk, München 1993.) Das Corpus Delicti, die Tiergeschichten „Die Ratten von Hameln“ wurden eingestampft. Nach einer
Generalamnestie für politische Häftlinge kam Aichelburg 1964 wieder frei und begann seine Tätigkeit als Literatur- und Musikkritiker. Nun konnten seine Bücher publiziert und seine musikalischen Werke aufgeführt werden. Nach erneuten Verhören und Repressalien stellte er 1976 den Ausreiseantrag und konnte 1980 durch die Unterstützung eines internationalen „Wolf von Aichelburg-Komitees“ ausreisen.
Ästhet und Humanist
Jede einzelne der Kunstrichtungen hat ihm eine spezifische Ausdrucksmöglichkeit geboten, wobei er keiner den Rang einer Priorität zuerkannte. Das Verbindende, das gegenseitige Ergänzen der Künste stand für ihn im Vordergrund. Aichelburg selbst fühlte sich nicht zwischen den einzelnen Künsten hin und hergerissen: „Es ist derselbe Autor, der komponiert, schreibt und malt“ (*). In der ungegenständlichen Malerei hat Aichelburg zu seinem individuellen Malstil gefunden. Malen war für ihn „ein Komponieren mit Linien und Farben“. Seine Bild-kompositionen lassen sich am ehesten mit denjenigen Kandinskys und Paul Klees vergleichen.

In Analogie zur Musik sind die einzelnen Bildelemente harmonisch aufeinander abgestimmt, Gegensätzlichkeiten in ein dynamisches Gleichgewicht gebracht. Formen und Farben werden so miteinander in Beziehung gesetzt, dass die Bildkomposition in allen Elementen ausgeglichen und stimmig ist. Das Gegenständliche wird transzendiert und im Schöpfungsprozess in „Seelenlandschaften“ verwandelt.
Aichelburgs Bilder zeigen, dass „eine ‚gemalte Musik’ doch Wirklichkeit werden kann“ (Wolf von Aichelburg: „Fingerzeige. Essays“, Bukarest 1974). Seine Bilder waren u. a. in Freiburg, Heidelberg, Straßburg, Paris, Luxemburg zu sehen.
Als Komponist hat Aichelburg alles Philosophische und Literarische ausgeschlossen. Er hat sich weder für einen Avantgardisten noch für einen Experimentator gehalten. „Das ‚autonome’ Klangerfinden ist mir immer neue Erkenntnis und Freude und Mühe. Meine Tonsprache steht, wie man so sagt, ‚in der Tradition’, ist aber durchaus Sprache des 20. Jahrhunderts“ (*). Aichelburg hat seine Kompositionen nicht nach Opuszahlen gereiht, „die Fächer quellen über, es käme leicht eine größere mehrstellige Zahl zustande“, schrieb er mir noch kurz vor seinem Tod. Drei Verlage
beschäftigen sich mit dem Druck seiner musikalischen Werke. Viele seiner Streichquartette, Konzerte, Sonaten, Lieder u. a. sind in Bukarest, Karlsruhe, Freiburg, Paris aufgeführt worden. 1976 erhielt er den „Stamitz-Preis“.
Der Dichter Aichelburg charakterisierte sich selbst folgendermaßen: „Typologisch bin ich wohl ein Ästhet. Das ästhetische Prisma ist bei mir vorherrschend. Niemals jedoch bin ich dem Irrtum verfallen, zu glauben, das Ästhetische sei letztes Ziel, der Sinn der Kultur oder unserer Existenz überhaupt.“ (Aichelburg: „Die schönsten Gedichte“, Bukarest 1975.) Dichtung reagiert auf „Konvention“ und auf deren Scheinhaftigkeit. Sie durchleuchtet den Bereich menschlicher Existenz und bietet – wie alle Kunst – Möglichkeiten der Sinngebung. Aber Aichelburg ist sich der Grenzen
des Ästhetischen bewusst. Kunst vermag zwar den Menschen leiten, aber „sie leitet ihn zu verschlossenen Pforten, die sie selbst nicht aufzusprengen vermag“ (*). Daher spricht sich Aichelburg dezidiert gegen reinen Ästhetizismus aus, denn die Dichtung ist „nur die zarteste Schale um den verhüllten Kern der Wirklichkeit“ und „Der Dichter schafft Masken, die sich dem Antlitz der ‚Wahrheit’ anschmiegen“ (Ştefan Augustin Doinaş: Vorwort zu „Die schönsten Gedichte“). Der Dichter darf weder dem „Drängen der rohen Materie“ noch dem „Hang zum rein Ästhetischen“
nachgeben. „Verzicht“ und „Strenge“ sind wesentliche Voraussetzungen zum Schaffen von Kunst. Aichelburgs Lyrik zeichnet sich durch ein ausgeprägtes Formbewusstsein aus, dessen essentielle Kriterien das Festhalten an Reim, Rhythmus, Metrum und Klangfarbe sind. Das Gedicht ist „ein in einen Ausnahmezustand erhobenes Stück Sprache“, sein Urgrund jedoch ist nichtsprachlich: „Das
eigenste Gebiet des Dichters ist nicht das Wort, sondern das Schweigen.“ Das Entscheidende ist der Zustand des Schweigens, das Gedicht ist das Resultat dessen, was vor dem Schweigen „gerade noch gerettet“ werden konnte (DLS, S.232 ff.). Der gleichnishaft-symbolische Gehalt der Sprache evoziert diesen Zustand im Leser.


Hoher Mittag
Die Sonne brennt die Steine ohne Zeichen.
Hier oben ist der Mittag riesengroß.
Er legt das graue Mark der Berge bloß.
Bist du geblendet, mußt du jetzt entweichen.

Die Brocken sind zu keinem Bau geschichtet,
Der Tisch ist Täuschung und das Lager List.
Geh vor der Nacht, wie du gekommen bist.
Auf jeder Stufe ab bist du gerichtet.

Und müßtest du die Nacht hier überdauern
Vorm Sterngericht, verschlänge dich die Zeit,
Den Stummen nur ist Obdach hier bereit.
Du wirst noch, eh der Brand verfällt, erschauern.

Denn deine Stimme ist dem Spruch der Sterne
Nicht ebenbürtig. Äußerster Verzicht
Erreicht die zeichenlose Stille nicht
Und bleibt dem Glück des Schattenlosen ferne.

Kunst und insbesondere die Dichtung ist für Aichelburg „Auswahl, Herausnahme und Begrenzung“. Ein Ding wird „aus seiner Geborgenheit im Fluss der Dinge gelöst und in eine neue ‚Geborgenheit’ gestellt.“ Das Wort schafft in einem magischen Akt die Dinge neu und verhilft ihnen zum ‚innigen’ Sein. Die Sprache stellt daher eine „Kette von Geborgenheiten“ dar (Fingerzeige, S.27 ff.). Aichelburgs Gedichte sind von einer klassischen Klarheit und Schönheit. Fernöstliches Denken, antike
Mythologie und mediterrane Kultur haben Eingang gefunden in seine Lyrik. Mit Recht kann man behaupten, dass die Aichelburgsche Lyrik sich in den Kontext der großen deutschen und europäischen Literatur einreihen kann. Bemerkenswert sind auch seine Übersetzungen französischer, englischer und rumänischer Lyrik.
Umfassende Bildung, humanistisches Denken und außergewöhnliche künstlerische Sensibilität kennzeichnen das dramatische Schaffen Aichelburgs. Seine Intention war die zeitgemäße Darstellung zeitlos gültiger Probleme. Er hat daher auf Themen aus der griechischen und biblischen Mythologie zurückgegriffen und auf markante Weise deren Bezüge zur Gegenwart hergestellt. Aichelburg betonte die Bedeutung, welche die griechischen Klassiker für uns besitzen: „Die alten Tragiker halte ich seit jeher für viel wichtiger als den allenthalben akklamierten Shakespeare, auch
zeitgemäßer.“ (DLS, S.267) Ein sprachliches Meisterwerk ist das in Blankversen verfasste und eine stark dramatische Wirkung ausübende Mysterienspiel „Der Brand des Tempels“:

„Hieram: Ich baute sieben Stufen, ungesehen
Für jeden, dessen Fuß noch zuckt und strauchelt.
Doch sind sie eingelassen in den Stein,
Der nun mein Siegel trägt. Man wird’s vergessen.
Doch ist es dauernder als Kampf und Festlärm,
Die über diesen Tempel branden werden,
Vergänglich wie der unbehauste Sturm.
Du hast den Plan, und niemand wird ihn ändern.

In deinem Innersten ist er verwahrt,
wo du dein reines Bild, die Königin,
Das Inbild deiner Sehnsucht, finden wirst.
Der Tod ist eine Maske, die uns flüchtig
Verbirgt. Du sei dem Tod voraus und wirke.
Dann bist du unbesiegbar. Deine Seele wird leben. Ohne Makel sei dein Werk.
Beginne nun den Bau! (...)“
(Werke in vier Bänden, Band 1. S. 238/39).

In Aichelburgs Erzählungen korrespondiert, ähnlich wie in den Gedichten, die Darstellung äußerer Dinge mit der Schilderung von inneren Zuständen und Sachverhalten der Protagonisten. Dabei sind einige in einem phantastisch-surrealen Ton gehalten, andere erinnern an Märchen oder deuten ein fabelhaftes Geschehen an (Tiergeschichten). Häufiges Thema ist der Mensch, der vor eine Ausnahmesituation in seinem Leben gestellt wird. In seiner Konfrontation mit dieser Herausforderung entdeckt er verschüttete oder unbekannte Seiten seines Selbst.
Frei von Ressentiments
Aichelburgs Essayistik besticht durch nuancierte Betrachtungen über Themen aus der Literatur, der Malerei und der Musik (Essayband „Fingerzeige“). Aber auch aktuelle Fragen aus dem kulturellen und sozialen Leben werden von ihm auf originelle Weise verarbeitet. Das Spektrum reicht dabei von philosophischwissenschaftlichen Abhandlungen bis zu den pointiert vorgetragenen populärwissenschaftlichen Aufsätzen.

Erst 1993 brachte die Edition Arnshaugk die ersten beiden Bände der geplanten „Werke in vier Bänden“ heraus (Band 1: Gedichte, und Band 2: Dramen). Die Bände 3 (Erzählungen) und 4 (Essays) sind leider noch nicht erschienen, weil die Arbeiten nach Aichelburgs Tod nicht mehr fortgesetzt wurden. Der Olms Verlag würdigte den Dichter mit dem Sammelband „Der leise Strom“ (Gedichte, Erzählungen, Essays und Selbstzeugnisse), der einen guten Einblick in dessen literarisches Schaffen gewährt.
2010 veröffentlichten Dan Damaschin und Ion Milea die rumänischen Schriften von Aichelburg: „Criza sufletului modern în poezie şi alte scrieri româneşti“ (Die Krise des modernen Geistes in der Lyrik und andere rumänische Schriften). In diesem Jahr wäre Wolf von Aichelburg 100 Jahre alt geworden. Es  leibt zu hoffen, dass Aichelburg nach einer unverhältnismäßig langen Zeit des Schweigens wieder mehr ins Zentrum unserer Aufmerksamkeit tritt. Ebenfalls wünschenswert wäre der erfolgreiche Abschluss der Arbeiten seiner beim Arnshaugk-Verlag begonnenen Werkausgabe und die Herausgabe der Bände 3 (Erzählungen) und 4 (Essays).
Sein Nachlass wird im Archiv des Instituts für deutsche Kultur und Geschichte an der LMU München aufbewahrt.
Trotz der insgesamt zwölf Jahren, die er in Gefängnissen, Arbeitslager und in der Verbannung verbringen musste, findet an keiner Stelle seines literarischen Werkes eine Abrechnung mit dem ihm widerfahrenen Unrecht statt. Zuweilen sind schmerzhafte Erinnerungen darin auszumachen, die jedoch frei von Ressentiments oder Verbitterung sind. Aichelburgs Gesamtwerk stellt einen geistigen Brückenschlag zwischen Tradition und Gegenwart dar. Aus seinen literarischen Schriften ebenso
wie aus seinen Kompositionen und Bildern spricht der ungebrochene Lebenswille eines künstlerisch hochbegabten und vielseitig gebildeten Humanisten.
Die Werke Aichelburgs – denen, zum Ausdruck ihrer Tiefe und Ausgeglichenheit, als Motto die Gedichtzeile „Über ruhigem Grund durchsichtig Leben“ („Tao“, Werke, 29) vorangestellt werden könnte – bleiben in ihrer Größe und ihrer Relevanz noch zu entdecken. Wolf von Aichelburg ist am 24. August 1994 infolge eines tragischen Unfalls ums Leben gekommen.
(Herbert-Werner Mühlroth https://www.siebenbuerger.de/zeitung/artikel/kultur/12076-zum-100-geburtstag-des-dichters)