6. - 8. November 2015

                                            Kolloquium
                an der Musikakademie "Gheorghe Dima" Klausenburg
                           anlässlich des 70. Todestages von

                         Norbert von Hannenheim

                                  (15. Mai 1898 Hermannstadt - 29. September 1945 Meseritz-Obrawalde)


Leitung:

Prof. Adriana Bera, Prorektorin der Musikakademie "Gheorghe Dima" Klausenburg  

Dr. Gabriel Iranyi, Stellvertretender Vorsitzender 'musica suprimata e.V.', Berlin  

Referenten:

Prof. Dr. Siegfried Mauser, Rektor der Universität Mozarteum Salzburg    

Prof. Dr. Ludwig Holtmeier, Prorektor der Musikhochschule Freiburg i. Br.  

Dr. Gabriel Iranyi, Stellvertr. Vorsitzender 'musica suprimata e.V.', Berlin  

Albert Breier,   designierter Herausgeber der Werke Hannenheims, Dresden   

Gerhard S. von Hannenheim, Bukarest

Mitglied der Nachkommen-Gemeinschaft Hannenheim 

Lektorat:
Heidemarie T. Ambros, Vorsitzende 'musica suprimata e.V.', Berlin
musica-suprimata@gmx.de

Lektoratsassistenz:
Dr. Elena Maria 
Şorban, Musikakademie Gheorghe Dima Klausenburg

 Organisation:
Heidemarie T. Ambros, Vorsitzende 'musica suprimata e.V.', Berlin
musica-suprimata@gmx.de

Dr. Oana Andreica, Musikakademie "Gheorghe Dima" Klausenburg
amgd@amgd.ro

                                                             

Freitag, 6. November 2015 10.00 - 15.30 Uhr Vorträge
     16.00 Uhr Gesprächskonzert Prof. Dr. Siegfried Mauser, Klavier
                         und Amélie Sandmann, Sopran
     17.15 Uhr Gesprächskonzert Moritz Ermst, Klavier,
                        und Prof.Dr. Ludwig Holtmeier


Samstag, 7. November 2015
     16.00 Uhr Konzert Marianne Boettcher, Violine
                         und Wolfgang Boettcher, Violoncello
     17.00 Uhr Konzert Moritz Ernst
, Klavier
     18.00 Uhr Konzert Barna Kobori, V - Georg Hamann, Va -
                        Christophe Pantillon, Vc (Mitglieder des 'aron quartett' Wien)
                        und
                        Aurelia Vi
şovan, Klavier


Sonntag, 8. November 2015
     11.00 Uhr Konzert Irena Troupová, Sopran, und Jan Du
šek, Klavier

 



Im siebenbürgischen Hermannstadt 1898 geboren, hat Norbert Hann von Hannenheim sein erstes öffentliches Konzert als 18jähriger in seiner Heimatstadt gegeben, hat 1925 einen Zweiten Preis beim Enescu-Kompositionswettbewerb mit einer Violinsonate gewonnen, hat im nächsten Jahr mit Enescu ein zweistündiges Gespräch führen dürfen. Und doch ist er in seinem Heimatland nicht mehr in der Erinnerung der musikalischen Öffentlichkeit.
Er ging 1929 nach Berlin und studierte bei Arnold Schönberg Zwölfton-komposition. Vier Jahre später kamen die Nazis an die Macht und dekretierten, was Gut und Richtig oder Schlecht und Entartet war. Hannenheim komponierte weiterhin konsequent reihentechnisch, also "entartet". Die Konsequenz: Sein Leben wurde schwierig, in mancherlei Hinsicht. Dann kam auch noch der Krieg, und alles Notenmaterial schien verloren. Aus unerwarteten Ecken kamen, zuletzt 2008, manche Kompositionen wieder zum Vorschein - etwa 50 von 200. Nun gilt es, das Material zur Edition aufzubereiten. Dem dient dieses Kolloquium. Aber auch, die Musik zum Erklingen zu bringen, sie in Siebenbürgen, in Rumänien überhaupt erst bekannt zu machen. Auch in Deutschland hat das unselige 12 Jahre herrschende 1000-jährige Reich von einer ganzen Musikepoche fast nur unzählige Blinde Flecken hinterlassen. Spannende Dinge sind da wiederzuentdecken und endlich ins Konzertleben zu integrieren.  
Erstmals wird mit diesem Kolloquium ein Spotlight auf Leben und Werk Norbert von Hannenheims gerichtet,
und dies dank der verlässlichen Hilfe unserer Förderer
 


















Gerhard S. von Hannenheim
Aus dem Leben von Norbert von Hannenheim
 

Persönlich gekannt hat keiner der nächsten Generation diesen "verrückten Onkel Norbert", nicht die beiden Musiker Marianne und Wolfgang Boettcher, noch die beiden Technik-Ingenieure Werner und Gerhard von Hannenheim. Doch in den Familienzweigen wurde das Eine oder Andere kolportiert, der eine oder andere Brief aufbewahrt, manchmal ein Foto.
Alle freuen sich, dass dem Onkel Norbert nun das Adjektiv "verrückt" genommen wird, weil sich allmählich Verständnis entwickelt für die Musik, die dieser Onkel Norbert da in Berlin in seinem Untermieter-Kämmerlein "bei Wasser und Brot" geschrieben hat.


Die zusammengetragene familiäre Erinnerung von Gerhard und Werner von Hannenheim und von Dr. Florian Kimm ist mit den von Herbert Henck recherchierten Fakten verquickt. Norbert von Hannenheim – Die Suche nach dem siebenbürgischen Komponisten und seinem Werk von Herbert Henck zugrunde (http://www.herbert-henck.de/Internettexte/Hannenheim_I/hannenheim_i.html, 2007 erschienen,  mit Ergänzungen von 2015). Die Einschübe sind von Heidemarie T. Ambros.



Über seine Schülerschaft bei Schönberg

1929 wird Hannenheim in Schönbergs Meisterklasse an der Preußischen Akademie der Künste in Berlin aufgenommen und tritt innerhalb eines Konzertes mit zwei Kompositionen (Trio für Holzbläser und eine Suite für Klavier) erfolgreich an die Öffentlichkeit.

Arnold Schönberg war nicht nur verehrter Lehrer, sondern auch ein väterlicher Freund seiner Meisterschüler. Er sorgte sich um ihre Gesundheit und ihren Lebensstandard ... .  H.H.Stuckenschmidt

    

Hans Heinz Stuckenschmidt (1901 Straßburg - 1988 Berlin) wurde 1929 Musik-kritiker bei der Berliner Zeitung am Mittag. Zahlreiche seiner Aufsätze erschienen im Anbruch, der österreichischen Zeitschrift für Neue Musik, die bei der Universal Edition erschien. Er befasste sich seit seiner Teilnahme an Arnold Schönbergs Analyse-Seminaren 1931−1933 mit Leben und Werk des Komponisten und wertete als erster dessen Nachlass für eine Biografie aus (Arnold Schönberg, 1951, 1957, 1974).

schreibt diesbezüglich: „NvH war zu ungeschickt und wohl auch zu nachlässig, um sich sein Geld als Musiker zu verdienen. Schönberg machte ihm darüber Vorhaltungen und redete ihm immer zu, er solle sich im Klavierspiel und im Dirigieren vervollkommnen. Es nützte nichts. H. fühlte sich im Grunde nur am Schreibtisch wohl,wenn er in seiner großen, deutlichen Schrift Partituren malte.“

  

Hannenheims Musik hatte etwas Ungezügeltes, Eruptives an sich. Demnach kann sich die folgende Debatte, von der Stuckenschmidt schreibt, nur auf NvH beziehen: „In der Meisterklasse wurde eine Stelle in einem Mozart-Quartett besprochen und Schönberg sagte, dass es sich um ein unbeweisbares Geheimnis handele. Der Schüler erklärte, man könne da etwas beweisen. In der Kunst kann man gar nichts beweisen“ erwiderte Schönberg Und wenn, dann nicht Sie - und wenn Sie, dann nicht mir!

In der ersten Oktoberhälfte 1932 wird NvH das Staatsstipendium für Komposition der Felix-Mendelssohn-Bartholdy-Stiftung zuerkannt Schönberg ist Mitglied der Jury.

Im Mai 1933 wurde NvH mit einem Preis der Wiener Emil Hertzka-Stiftung aus-gezeichnet.

  

(Emil Hertzka, 1869 Pest - 1932 in Wien war von 1907 bis 1932 Direktor der Universal Edition.)  Prämiertes Werk: V. Sinfonie. Zur Jury gehörte u.a. Alban Berg.

Er lebte, wie Mitschüler und Freunde berichtet haben, sehr zurückgezogen und in schwierigen finanziellen Verhältnissen. Unter den Bedingungen der weltweiten großen Wirtschaftskrise wurden alle Zuwendungen des Staates gekürzt und Menschen wie der freischaffende Künstler NvH waren besonders davon betroffen. Dazu der Musikkritiker Walter Schrenk: „Der größte Teil unserer jungen Komponisten lebt in einem fürchterlichen Elend: viele von ihnen können sich kaum einmal in der Woche ein warmes Essen leisten, ja ich kenne Fälle von ausgesprochener Hungerpsychose. ...“

In ihren Erinnerungen schreibt Natalia Prawosudowitsch, eine ehemalige Mitschülerin, über den „langen, immer schwarz gekleideten NvH“ und die pekuniären Nöte, welche die schöne Zeit in Berlin für alle Meisterschüler überschatteten: „NvH zum Beispiel wohnte in einer Dachkammer und schlief so viel als möglich, um sich das Essen zu ersparen“.

           

In seiner Studienzeit wohnte Hannenheim in Berlin W. 50 Nürnbergerstraße 37/38 IV."IV" heißt: 4 Treppen hoch, also im 4. Stock, das war in der Regel das höchste Stockwerk, also eine Dachkammer. Das Haus 37 ist Nürnberger/Ecke Lietzenburger, sein Weg ging dann wohl schräg über den Damm die Schaperstraße entlang, und er war in 5 Minuten in der Hochschule der Künste an der heutigen Bundesallee.Später, zum bösen Ende hin, lebte in der Rüdesheimer Straße 13 in Schmargendorf, im sogenannten "Rheinischen Viertel", einem gutbürgerlichen Akademiker-Stadtteil.Über sein Werk

Am 24.November 1934 bringt die „Woche“, Berlin, ein Bild und schreibt: „N.v.H. steht mit seinem Schaffen heute noch in unabgeschlossener Diskussion, in der Polemik werden Eigenschaften Hannenheims fast immer übergangen, die sein Künstlertum unanzweifelbar machen: hoher Ernst, künstlerische Gläubigkeit bis zum Fanatismus, unerbittliche Konsequenz. Hannenheim schreibt im Zwölftonsystem, dessen angeblich „intellektuelle Konstruktion“ allein schon durch seine stark erfühlte Musik widerlegt ist. In seinem Schaffen stehen Sinfonien und ein Klavierkonzert obenan“.

Drei Lieder nach Texten von Dauthendey erschienen im Selbstverlag handgeschrieben, vor oder kurz nach dem Krieg komponiert.

  

Der Frühling ist in aller Munde / Die Sorgen ackern / Wege leer ins Leere sehen
aus "Drei Lieder (Max Dauthendey) für eine Singstimme mit Klavierbegleitung",
Druck Jos. Drotleff, Hermannstadt

Im September 1934 singt Lula Mysz-Gmeiner

  

Die Sängerin, 1876 in Kronstadt geboren, unterrichtete ab 1921 an der Hochschule für Musik in Berlin.

auf der Festwoche Stuttgart Hannenheims Lieder auf Gedichte von Dauthendey,

für mittlere Stimme und Klavier
Ein blauer Schneeweg im Mittaglicht. Text v. Max Dauthendey.   
Im Bestand der Österreichischen Nationalbibliothek
aus dem Nachlass Dr. Erich H. Müller-Asow, Dresden,
1978 in die ÖNB gekommen  

        

ebenfalls diese?Und die Sehnsucht, die rasende Schöne / Und durstig kommt die Nacht zu allen / Und was suchen sie alle?

Über sein Wesen

Hans Heinz Stuckenschmidt beschreibt ihn folgendermaßen: „... ein großer, schlanker Jüngling mit dunkel leuchtenden Augen und einem starken blauschwarzen Bartwuchs... Ein düsterer Ernst lag in seinem Gesicht. Auch im Gespräch zeigte er selten Heiterkeit und Humor. Er wirkte gezeichnet von einem Leben schwerer Entbehrungen, das er denn auch führte. In den Kursen war er ein heftiger und oft zorniger Diskutant, dessen Unnachgiebigkeit ich später ähnlich bei Luigi Nono wiederfand... Seine kompositorische Begabung war ungewöhnlich“.

             

Der Schriftsteller Wolf von Aichelburg schreibt in seinen Erinnerungen über eine Begegnung mit NvH in Berlin im Herbst 1936: „...Über sehr viele Dinge konnte man sich mit H. interessant unterhalten, doch wenn die Sprache auf Musik kam, war nichts Ernstes aus ihm herauszubekommen. Er erging sich in Paradoxa und Sarkasmen, wohl eine Stachelhaut, die er sich umgelegt hatte, seit seine Musik als höchst entartet in die Katakomben verdrängt wurde. NvH gehörte jedenfalls zu den Entarteten - Schauen Sie mich doch bloß an! Rabenschwarzes Haar, kohlschwarze Augen. Gibt Ihnen das nicht zu denken? Ich bemerkte, dass Schönberg und andere ungefährdet im Ausland leben, worauf er antwortete: Dafür schreibe ich Volkslieder “. Einmal, durch Kreuzfragen herausgefordert, erklärte er: ›Ich bin ein Entdecker. Ich habe das genaue musikalische Äquivalent zur Geistlosigkeit anmaßenden Tyrannentums gefunden, die Formel, die den ganzen Totalitarismus zum Ausdruck bringt: eine von möglichst vielen Trompeten - oder auch Klavier, da klingt es noch gemeiner - angestimmte C-Dur Fanfare... .‹ Wahrscheinlich kam im ganzen Oevre Hannenheims kein einziger C-Dur-Akkord vor. Das war sein persönlicher Beitrag zum Widerstand.“ Else C. Kraus schreibt in ihren Erinnerungen: „H.s finanzielle Lage war außerordentlich schwierig; er lebte vom Notenkopieren und von der Hilfe einiger Menschen, die ihn menschlich und künstlerisch hochschätzten. Wir sahen ihn sehr viel bei uns, bis sein Geist sich mehr und mehr verwirrte, was ihn sehr menschenscheu machte. Hermann Heiß sah ihn noch einmal auf offener Straße Anfang 1944.“ Norbert von Hannenheim wurde am 6.7.1944 in die Heilstätten (Landesnervenanstalt) Berlin-Wittenau eingeliefert, mit dem maschinenschriftlichen Vermerk:  „v.H. ist gemein-gefährlich krank im Sinne des Erlasses vom 21.2.32. Amtsarzt Wilmersdorf.“ Im Aufnahmebuch der Heilanstalt erscheint NvH mit dem Vermerk „Schizophrenie?“ Die näheren Gründe und Umstände der Einweisung sind nicht bekannt. Von Wittenau wird NvH am 3.8.1944 in die Heil-und Pflegeanstalt Obrawalde-Meseritz, eine der berüchtigten „Euthanasie-Kliniken, östlich von Frankfurt an der Oder, im heutigen Polen verlegt. (https://de.wikipedia.org/wiki/Heil-_und_Pflegeanstalt_Obrawalde). Am 16. Februar 1945 kam eine sowjetische Militärkommission nach Obrawalde, um die Vorgänge in der Anstalt zu untersuchen. Norbert von Hannenheim starb ein halbes Jahr später, am 29. September 1945.


Prof. Dr. Ludwig Holtmeier
Die Position Hannenheims im Schülerkreis Schönbergs,
sein Stellenwert in der Musikgeschichte 

1929 zog der bereits 31-jährige Norbert von Hannenheim, bis dahin Kompositionsschüler von Paul Graener in Leipzig und anschließend von Alexander Jemnitz in Budapest, nach Berlin und trat in der Preußischen Akademie der Künste in eine der bedeutendsten Kompositionsklassen des 21. Jahr- hunderts ein: er wurde Schüler des wohl berüchtigt- sten Komponisten und Kompositionslehrers seiner Zeit: Arnold Schönberg. Die Leitung einer Meister-klasse für Komposition an der Akademie der Künste zu Berlin war die berühmteste und bestdotierte Kompositionsprofessur in der Weimarer Republik. Schönberg war, wie es sein Schüler Alfred Keller formuliert, "der Leiter der berühmtesten und exclusivsten Kompositions-meisterklasse, die es es wohl je gegeben hatte". Die Berufung als Nachfolger Busonis war mit Sicherheit Schönbergs eklatantester gesell-schaftlicher Erfolg. Als er die Meisterklasse in Berlin übernahm, befand er sich auf dem Gipfel seines europäischen Ruhms.
Um das besondere Berlinische Umfeld, in das Norbert von Hannenheim geriet, um diese außergewöhnliche Akademieklasse, um ihren spezifischen historischen Ort und ihre spezifischen Bedingungen, soll es in Holtmeiers Vortrag vor allem gehen. Es ist der kursorische Versuch einer biographischen und kompositorischen Kontextualisierung in zwei Kapiteln: Im ersten wird die Rede sein von den spezifischen Elementen der Schönbergschen Kompositionslehre und -methode, die er in seiner Berliner Meisterklasse vermittelte, im zweiten von den Berliner Schülern selbst, von der Schönbergschen „Berliner Schule“, und dabei insbesondere von Norbert von Hannenheim, jenen Schüler, den Schönberg rückblickend als einen seiner besten Studenten bezeichnete.


Gesprächskonzert Moritz Ernst - Prof. Dr. Ludwig Holtmeier
Die beiden Fassungen der Klaviersonate Nr. 4

Diese 4. Klaviersonate ist in zwei Versionen vorhanden: Eine Fassung, die durch ein Freiburger Antiquariat aus dem Nachlass von Edith Picht-Axenfeld zu Professor  Holtmeier gekommen ist, war lange Zeit die einzige, von der man wusste. Im Jahr 2008 tauchte dann noch eine zweite 4. Klaviersonate auf. Diese Fassung bekam der Pianist Moritz Ernst zur Vorbereitung der CD.  2012 schrieb er dazu: "Naiv  wie ich  war,   hatte  ich  erstmal  nicht  weiter  verglichen, 4 war für mich, den Mathe-matikersohn, gleich 4. Nun wollte ich dieser Tage vergleichen und staunte nicht schlecht, was sich ergab. Das Ende des ersten Satzes und der Beginn des 2. Satzes sind  sehr ähnlich, bis auf Details fast identisch. Auch das Ende des 2.Satzes  ist von den Noten her ähnlich."     


Dr. Gabriel Iranyi
Norbert von Hannenheim's Streichquartett Nr. II. und    das Streichtrio Nr. 3: Struktur und Bedeutung für  das Kammermusik-Repertoire des 21. Jahrhundert  

Norbert von Hannenheim pflegte öfters seine Werke in Zyklen von 6 Werken zu konzipieren, die er mal mit arabischen, mal mit römischen Ziffern nummerierte. Bis heute wurden 4 Streichquartette gefunden: Nr. 9, Nr. II, Nr. IV, Nr. XI und von den vielen Streichtrios nur das Streichtrio Nr. 3. (Die GEMA verwahrt einen Zettel-katalog mit seinen angemeldeten Kompositionen: dieser enthält 50 Orchester-werke, etwa 50 Kammermusikwerke, 23 Kompositionen für Klavier und etwa 80 Stücke Vokalmusik.)
Hannenheims Musik wurde schon Ende der 20-er und Anfang der 30-er Jahre von solchen Persönlichkeiten wie Arnold Schönberg, Hans Heinz Stucken-schmidt und Alban Berg anerkannt. H.H. Stuckenschmidt schrieb in „Modern Music“ Band X 1932 / 33, S. 16: „Die Individualität seines Stils liegt in perfektem tonalem Gleich-gewicht und findet Ausdruck in einem Reichtum von Inter-vallen, der jede Note, jedem Akkord, jede horizontale und vertikale Linie der Struktur miteinander verbindet.“
Die Beleuchtung der Struktur zweier Streichquartette und seinem Streichtrio Nr. 3 soll für eine bessere Ver-breitung seiner kammermusikalischen Werken im internationalen Konzertleben und der Bereicherung des Repertoires dienen.


Gesprächskonzert Prof. Dr. Siegfried Mauser und 
Amélie Sandmann, Sopran
Anmerkungen zu Liedern und Klaviersonaten           

Gerade die Lieder lassen uns den Zugang zu Hannenheims Gedankenwelt leichter erscheinen als die textlosen Kompositionen. Rilke war in Rumänien-Siebenbürgen Kult bei der jungen Generation. Für vierzig Lieder wählte Hannenheim Gedichte Rilkes als Vorlage, sodass man wohl sagen darf, er habe diesen Dichter vor allen anderen bevorzugt, diese Lyrik inspirierte ihn zu seinen vielleicht eindrucksvollsten Liedern.
Andere Liedtexte entnahm er von Hölderlin, Nietzsche, Morgenstern, Binding, manchmal von jüdischen Dichtern wie Ernst Lissauer oder auch nationalsozialistisch geprägten wie Ernst Ludwig Schellenberg.
Ein vielfach von ihm vertonter Dichter war Max Dauthendey. Die von Farben und Tönen bestimmte ungebundene und rhythmische Lyrik machte Dauthendey zu einem der bedeutendsten Vertreter des Impressionismus in Deutschland. Über seine Gedichte sagte Stefan George, sie „seien das einzige, was jetzt in der ganzen Literatur als vollständig Neues dastehe eine eigenartige Kunst, die reicher genießen lasse als Musik und Malerei, da sie beides zusammen sei.“ Und Rilke bezeichnete ihn als einen „unserer sinnlichsten Dichter, in einem fast östlichen Begriffe“
.
Durch Hannenheims Liedschaffen hindurch zieht sich die allgemeine Tendenz der Schönbergschule zu sehr schnellen Tempi – inspiriert durch die Metronomangaben Beethovens – , und der Singstimme werden - in der Schönbergschule ebenfalls nichts Ungewöhnliches - über längere Strecken sehr hohe Töne abverlangt. Aber haben wir das nicht auch im Ohr von Beethovens "Ode an die Freude"?


Albert Breier
In der Zukunft wohnen - Leben und Nachleben
Norbert von Hannenheims
und seiner Musik

Die Zukunft, soweit man sich ihre utopische Ansicht zu eigen macht, ist kein Ort, an dem man wohnen könnte. Die utopischen Entwürfe des Schönberg der freien Atonalität umrissen Extremzustände, ließen „Luft von anderen Planeten“ spüren.
Norbert von Hannenheim, obwohl durchaus ein Visionär, scheint in seinem Werk vielfältige Strategien entwickelt zu haben, eine bewohnbare musikalische Welt zu schaffen. Dazu gehört seine Eigenart, Kompositionen gleich in Gruppen zu schaffen: drei, sechs oder gar zwölf Werke derselben Art  bilden weniger einen Zyklus als dass sie die nachdrückliche Behauptung und die dauer-hafte Besiedlung eines musikali- schen Terrains anzeigten. Weiter dient die große Flexibilität in der Handhabung der Zwölftontechnik bei Hannenheim dazu, der Gefahr der Zuspitzung des Systematischen zu entgehen – im abstrakten System kann man nicht wohnen; damit ein musikalisches Gebäude bewohnbar wird, müssen beständig kleine Anpassungen vorgenommen werden, die vielleicht der Theorie widersprechen, aber der Gesamtwirkung förderlich sind.        

Im sich abzeichnenden Nachleben Hannenheims dagegen könnte seine Tendenz, spannungsvolle Zustände zu erzeugen, die nicht auf ein Abbrechen zielen, sondern ausgehalten und genossen werden können, als eine neue Art von Wohnlichkeit erfahren werden. Wenn Hannenheim eine Bedeutung auch für zukünftige Komponistengenera-tionen haben soll, so mag sie genau hierin liegen.